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Systemische Beratung · Konstruktivismus · Veränderung

Was ist systemische Beratung?

Menschen, Beziehungen und Wirklichkeiten verstehen

Systemische Beratung beginnt mit einer ungewöhnlichen Verschiebung der Perspektive.

Wenn ein Mensch sagt: „Ich habe ein Problem“, liegt die erste Frage nicht zwangsläufig darin, was mit diesem Menschen nicht stimmt. Interessanter wird zunächst: Wie beschreibt dieser Mensch sein Problem? In welchen Situationen tritt es auf? Wann zeigt es sich weniger stark oder gar nicht? Wer ist daran beteiligt? Welche Bedeutungen haben sich entwickelt? Welche Reaktionen lösen sich gegenseitig aus? Und was geschieht möglicherweise dadurch, dass alle Beteiligten längst eine bestimmte Vorstellung davon entwickelt haben, „wie die Dinge eben sind“?

Systemische Beratung betrachtet Menschen deshalb in ihren Beziehungen, Lebenszusammenhängen und Bedeutungswelten.

Sie interessiert sich für individuelle Erfahrungen und zugleich für das Beziehungsgeflecht, in dem diese Erfahrungen entstehen. Sie untersucht Wechselwirkungen, Kommunikationsmuster, Erwartungen, Rollen, Ressourcen, Regeln und die Geschichten, mit denen Menschen sich selbst und ihre Welt erklären.

Ein Problem ist selten nur eine Eigenschaft eines einzelnen Menschen. Es ist eingebettet in Zusammenhänge, Bedeutungen und Wechselwirkungen.

Damit verändert sich Beratung. Der Berater wird weniger zum Experten, der einen Menschen von außen analysiert und ihm anschließend sagt, was mit ihm los ist. Er wird eher zu einem professionellen Gesprächspartner, der gemeinsam mit seinem Gegenüber neue Beschreibungen, Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten entwickelt.

01

Von der Frage „Was ist?“ zur Frage „Wie entsteht es?“

Unser alltägliches Denken liebt Eigenschaften.

Ein Kind ist schwierig.

Ein Mitarbeiter ist unmotiviert.

Eine Partnerin ist eifersüchtig.

Ein Mann ist narzisstisch.

Eine Klientin ist unsicher.

Solche Beschreibungen wirken zunächst klar. Sie haben jedoch eine Nebenwirkung: Sie machen aus einem beobachteten Verhalten sehr schnell eine Eigenschaft der Person.

Systemisches Denken versucht, diese scheinbare Selbstverständlichkeit wieder zu öffnen.

Aus „Er ist aggressiv“ könnte beispielsweise werden: „In welchen Situationen reagiert er aggressiv? Gegenüber wem? Was geschieht unmittelbar davor? Wie reagieren die anderen darauf? Und was geschieht anschließend?“

Aus „Sie kann keine Nähe zulassen“ wird vielleicht: „Unter welchen Bedingungen wird Nähe schwierig? Wann gelingt sie trotzdem? Wie zeigt das Gegenüber seinen Wunsch nach Nähe? Und was bedeutet Nähe für beide Beteiligten?“

Aus einer Eigenschaft wird ein Prozess. Und Prozesse können sich verändern.
02

Ernst von Glasersfeld: Wirklichkeit wird konstruiert

Ernst von Glasersfeld

Radikaler Konstruktivismus und Viabilität

Eine wichtige philosophische Grundlage systemischer Beratung liefert der radikale Konstruktivismus. Ernst von Glasersfeld gehört zu seinen bedeutenden Vertretern.

Seine zentrale Frage lautet sinngemäß: Wie können wir wissen, dass die Welt so ist, wie wir sie wahrnehmen?

Wir haben keinen neutralen Standort außerhalb unserer Wahrnehmung, von dem aus wir unsere Vorstellungen mit einer objektiven Wirklichkeit vergleichen könnten. Wir nehmen wahr, unterscheiden, ordnen, erinnern und interpretieren. Daraus entsteht unsere erlebte Wirklichkeit.

Der konstruktivistische Gedanke behauptet dabei keineswegs, die Welt sei beliebig. Menschen stoßen an Grenzen. Erfahrungen widersprechen unseren Erwartungen. Manche Deutungen bewähren sich, andere nicht.

Von Glasersfeld verwendete dafür den Begriff der Viabilität. Vorstellungen und Erklärungen müssen sich in unserer Erfahrung als gangbar und brauchbar erweisen.

Unsere Beschreibungen sind nicht die Wirklichkeit selbst. Sie sind Möglichkeiten, Wirklichkeit zu ordnen und mit ihr umzugehen.

Für Beratung hat das erhebliche Konsequenzen.

Ein Klient sagt beispielsweise: „Meine Frau respektiert mich nicht.“

Der Berater könnte nun versuchen herauszufinden, ob die Frau ihn objektiv respektiert oder nicht. Systemisch-konstruktivistisch wird zunächst eine andere Frage interessant:

Woran erkennt dieser Mensch eigentlich Respekt?

Vielleicht bedeutet Respekt für ihn, dass Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Für seine Partnerin bedeutet Respekt möglicherweise, dem anderen möglichst viel Freiheit zu lassen.

Dann stehen sich plötzlich nicht einfach ein respektvoller und ein respektloser Mensch gegenüber. Es stehen sich zwei Bedeutungswelten gegenüber.

03

Heinz von Foerster: Der Beobachter gehört zur Beobachtung

Heinz von Foerster

Kybernetik zweiter Ordnung

Heinz von Foerster radikalisierte den konstruktivistischen Gedanken noch einmal. In der Kybernetik zweiter Ordnung richtet sich der Blick nicht nur auf das beobachtete System, sondern auch auf den Beobachter selbst.

Das ist für Beratung von grundlegender Bedeutung.

Auch der Berater ist niemals ein völlig neutraler Beobachter. Er bringt seine Sprache, seine Ausbildung, seine Werte, seine Erfahrungen und seine Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit mit.

Schon die Frage, die er stellt, lenkt Aufmerksamkeit.

Wenn ein Berater fragt:

„Seit wann leiden Sie unter Ihrer Bindungsangst?“

ist in dieser Frage bereits sehr viel Wirklichkeit enthalten. Es scheint festzustehen, dass Bindungsangst vorhanden ist, dass der Klient sie hat und dass sie etwas ist, worunter er leidet.

Eine andere Wirklichkeit könnte durch die Frage entstehen:

„Was geschieht zwischen Ihnen und einem anderen Menschen, wenn eine Beziehung enger wird?“

„Woran würden Sie erkennen, dass genau die richtige Menge an Nähe entstanden ist?“

Der Beobachter beobachtet nicht nur das System. Er beobachtet auch, wie er selbst beobachtet.

Professionelle systemische Beratung verlangt deshalb ein hohes Maß an Selbstreflexion.

Welche Erklärung bevorzuge ich gerade? Warum erscheint mir diese Erklärung besonders plausibel? Welche andere Beschreibung wäre ebenfalls möglich? Was mache ich durch meine Frage sichtbar? Und was verschwindet dadurch vielleicht aus dem Blick?

04

Fachwissen und Nichtwissen

Systemische Beratung bedeutet nicht, dass Fachwissen unwichtig wäre.

Psychopathologie kann wichtig sein. Entwicklungspsychologie kann wichtig sein. Neurobiologie, Traumawissen und Bindungsforschung können wichtige Perspektiven liefern.

Problematisch wird Wissen dort, wo es unbemerkt zu Gewissheit wird.

„Typisch traumatisiert.“

„Typisch narzisstisch.“

„Typischer Bindungsvermeider.“

„Klassische Co-Abhängigkeit.“

Sobald eine Erklärung feststeht, besteht die Gefahr, dass wir hauptsächlich noch das entdecken, was unsere Theorie bestätigt.

Ich weiß einiges über mögliche Muster – und weiß dennoch nicht, was dieses Muster bei genau diesem Menschen in genau diesem Lebenszusammenhang bedeutet.

05

Rolf Arnold: Veränderung lässt sich nicht herstellen

Rolf Arnold

Ermöglichungsdidaktik, Systemische Pädagogik und Emotionaler Konstruktivismus

Rolf Arnold hat konstruktivistisches und systemisches Denken besonders auf Lernen, Bildung, Führung und Beratung übertragen.

Seine Perspektive führt zu einer für Beratung entscheidenden Einsicht: Menschen lassen sich nicht einfach von außen „machen“ oder verändern.

Wir können einem Menschen die Lösung erklären. Wir können gute Argumente liefern. Wir können hundertmal sagen, dass sein Verhalten unvernünftig ist.

Und trotzdem verändert sich möglicherweise nichts.

Menschen verarbeiten neue Informationen innerhalb ihrer bereits vorhandenen Wahrnehmungs-, Gefühls- und Bedeutungsstrukturen.

Der Berater produziert Veränderung nicht. Er ermöglicht Bedingungen, unter denen ein Mensch neue Wahrnehmungen, Deutungen und Handlungsmöglichkeiten entwickeln kann.

Daraus ergibt sich eine andere professionelle Haltung.

Direktiv: „Ich weiß, was für dich richtig wäre.“

Systemisch: „Wie kann ein Raum entstehen, in dem du etwas entdecken kannst, das für dich tragfähig ist?“

06

Gefühle konstruieren Wirklichkeit mit

Mit seinem Konzept des Emotionalen Konstruktivismus weist Arnold darauf hin, dass menschliche Wirklichkeit nicht nur durch Gedanken organisiert wird.

Auch emotionale Muster beeinflussen, was wir wahrnehmen, wie wir Situationen deuten und welche Erwartungen wir an andere Menschen entwickeln.

Ein Mensch kann beispielsweise in seiner Geschichte gelernt haben: Nähe kann gefährlich werden.

Er muss diesen Satz nicht bewusst denken. Vielleicht erlebt er bei zunehmender Nähe einfach Unruhe.

Nähewunsch Rückzug Verunsicherung stärkerer Nähewunsch stärkerer Rückzug

Wer ist hier „das Problem“?

Systemisch interessanter wird die Frage:

Wie organisiert sich diese Beziehung – und wie könnte eine neue Erfahrung möglich werden?
07

Vom linearen zum zirkulären Denken

Unser Alltagsdenken sucht gerne nach Ursachen.

A verursacht B.

Der Vater kritisiert, deshalb zieht sich die Tochter zurück. Der Partner zieht sich zurück, deshalb wird die Partnerin kontrollierend.

Systemische Beratung interessiert sich stärker für Zirkularität.

Vielleicht zieht sich der Mann zurück, weil die Partnerin intensiv nachfragt. Vielleicht fragt die Partnerin intensiv nach, weil der Mann sich zurückzieht.

Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Rückzug Verunsicherung Nachfragen Erleben von Druck mehr Rückzug

Systemisches Denken fragt weniger: „Wer hat angefangen?“ Es fragt: „Wie halten sich bestimmte Verhaltensweisen gegenseitig aufrecht?“

08

Zirkularität bedeutet keine Gleichverantwortung

Gerade hier braucht systemisches Denken besondere Sorgfalt.

Die Tatsache, dass Verhalten in Wechselwirkungen entsteht, bedeutet nicht, dass beide Beteiligten gleichermaßen verantwortlich sind.

Interaktionen können zirkulär organisiert und Machtverhältnisse zugleich hochgradig asymmetrisch sein.

Ein Kind und sein Vater bilden ein Beziehungssystem. Ein Arbeitnehmer und seine Vorgesetzte ebenfalls. Auch ein gewalttätiger Partner und sein eingeschüchtertes Gegenüber stehen in Wechselwirkung.

Zirkularität beschreibt Wechselwirkungen. Sie verteilt keine Schuld.

Systemische Beratung muss deshalb Beziehungsmuster, Macht, Abhängigkeit, Schutzbedürfnisse und persönliche Verantwortung gleichzeitig betrachten.

09

Probleme können einmal Lösungen gewesen sein

Manches Verhalten, das heute zum Problem geworden ist, war möglicherweise einmal eine sinnvolle Lösung.

Ein Mensch kontrolliert ständig seine Umgebung. Vielleicht war Kontrolle einmal eine wichtige Möglichkeit, mit einer unberechenbaren familiären Situation zurechtzukommen.

Ein anderer vermeidet Konflikte. Vielleicht war Harmonie in seiner Kindheit die beste Möglichkeit, Eskalationen zu verhindern.

Eine Frau kümmert sich ununterbrochen um andere. Vielleicht bekam sie früh Anerkennung dafür, Verantwortung zu übernehmen.

Wofür könnte dieses Verhalten bislang wichtig gewesen sein?

Erst wenn eine Funktion verstanden wird, können tragfähige Alternativen entstehen.

10

Ressourcen und Ausnahmen

Menschen kommen verständlicherweise häufig mit einem Problem in Beratung. Das Problem dominiert dann ihre Aufmerksamkeit.

„Wir streiten nur noch.“

„Ich bekomme überhaupt nichts mehr hin.“

„Mein Sohn hört nie auf mich.“

Systemische Beratung interessiert sich besonders für die Ausnahmen.

Wann streiten Sie nicht? Was ist an diesen Tagen anders? Wann gelingt etwas trotz Erschöpfung? Wann hört der Sohn zu? Was geschieht dann anders?

Ressourcenorientierung bedeutet nicht, Probleme schönzureden. Sie macht sichtbar, welche Fähigkeiten bereits vorhanden sind.

11

Drei Denker – eine gemeinsame Haltung

An diesem Punkt treffen sich die Gedanken von Ernst von Glasersfeld, Heinz von Foerster und Rolf Arnold besonders deutlich.

Von Glasersfeld erinnert uns daran, dass menschliches Erkennen Konstruktion ist.

Von Foerster erinnert uns daran, dass der Beobachter Teil dieser Konstruktion ist.

Arnold erinnert uns daran, dass Menschen ihre Lern- und Veränderungsprozesse letztlich selbst organisieren.

Ich respektiere deine gegenwärtige Wirklichkeit.
Und ich behandle sie nicht als die einzig mögliche.

Genau darin liegt eine besondere Qualität systemischer Beratung.

12

Welche Methoden nutzt systemische Beratung?

Aus dieser Haltung sind zahlreiche Methoden entstanden.

  • zirkuläre Fragen
  • Skalierungsfragen
  • Ausnahmefragen
  • hypothetische und zukunftsorientierte Fragen
  • Ressourcenarbeit
  • Reframing
  • Genogrammarbeit
  • Aufstellungen und räumliche Darstellungen
  • Perspektivwechsel
  • lösungsorientierte Gesprächsführung

Doch Methoden allein machen noch keine systemische Beratung.

Man kann hundert zirkuläre Fragen kennen und trotzdem völlig linear denken.

Deshalb ist die Haltung entscheidend. Die Methode folgt ihr.

Was systemische Beratung nicht bedeutet

Systemisches Denken bedeutet nicht, dass es keine Realität gäbe.

Es bedeutet nicht, dass jede Interpretation gleichermaßen hilfreich oder zutreffend wäre.

Es bedeutet nicht, dass Missbrauch lediglich eine gemeinsame Konstruktion sei.

Es bedeutet nicht, dass Diagnostik überflüssig wäre.

Und es bedeutet nicht, Verantwortung in Beziehungsschleifen verschwinden zu lassen.

Neugier und Klarheit. Verständnis und Grenzen. Kontext und Verantwortung.

Eine andere Vorstellung professioneller Kompetenz

Vielleicht verändert systemisches Denken am stärksten unsere Vorstellung davon, was einen guten Berater ausmacht.

Der gute Berater muss einen Menschen nicht möglichst schnell durchschauen. Er muss nicht auf jede Frage sofort eine Antwort besitzen. Und er muss keine perfekte Theorie darüber entwickeln, warum ein Mensch geworden ist, wie er heute ist.

Eine seiner wichtigsten Kompetenzen besteht vielmehr darin, hilfreiche Prozesse des Nachdenkens und Erlebens zu ermöglichen.

Er hält Mehrdeutigkeit aus. Er erkennt Muster. Er stellt Unterschiede her. Er nimmt Ressourcen wahr. Er beobachtet auch seine eigene Beobachtung.

Erst beobachten.
Dann verstehen.
Und erst danach benennen.

Und selbst dann darf der Name vorläufig bleiben.

Thomas Bach TBAcare · Systemische Beratung

Systemische Beratung lernen

Systemisches Denken lässt sich verstehen. Zu einer professionellen Beratungskompetenz wird es jedoch erst durch Erfahrung, Übung und Reflexion.

Wie formuliere ich eine Frage, die tatsächlich einen Unterschied macht? Wie erkenne ich eine Beziehungsschleife? Wie bleibe ich neugierig, wenn ich glaube, die Lösung längst zu kennen? Wie arbeite ich mit Konflikt, Ambivalenz und festgefahrenen Wirklichkeitsbeschreibungen?

Genau mit diesen Fragen beschäftigt sich die Ausbildung Systemische Beratung bei TBAcare.

<a class="cta-link" href="https://tba.care/ausbildung-systemische-beratung/"> Mehr über die Ausbildung Systemische Beratung erfahren →

Weiterführende Denker und Grundlagen

Ernst von Glasersfeld – Radikaler Konstruktivismus, Viabilität und die Frage, wie Wissen konstruiert wird.

Heinz von Foerster – Kybernetik zweiter Ordnung, Beobachterabhängigkeit und Zirkularität.

Rolf Arnold – Systemische Pädagogik, Emotionaler Konstruktivismus und Ermöglichungsdidaktik.

Fachliche Vertiefung: Carl-Auer · Systemisches Lexikon: Beratung

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