Systemik · Konstruktivismus · Beobachtung
Systemisch-konstruktivistisches Denken
Warum unsere Beschreibung nicht die Wirklichkeit ist
Es gibt einen Gedanken, der Beratung, Therapie, Pädagogik und auch unser privates Leben tief verändern kann: Die Wirklichkeit, die wir erleben, ist nicht einfach identisch mit der Wirklichkeit an sich.
Wir nehmen wahr. Wir unterscheiden. Wir erinnern. Wir bewerten. Wir verbinden Erfahrungen miteinander. Und aus all dem entsteht das, was wir für wirklich halten.
Das klingt zunächst philosophisch. Tatsächlich ist es ausgesprochen praktisch.
Ein Mensch sagt: „Mein Partner interessiert sich nicht für mich.“ Ein anderer sagt: „Mein Sohn ist respektlos.“ Eine Führungskraft erklärt: „Meine Mitarbeiter sind unmotiviert.“ Eine Frau sagt: „Meine Mutter ist eine Narzisstin.“
Solche Aussagen können auf reale und belastende Erfahrungen verweisen. Und doch enthalten sie bereits mehr als reine Beobachtung. Sie enthalten Deutung.
Was bedeutet Interesse? Was bedeutet Respekt? Was bedeutet Motivation? Welche Verhaltensweisen werden unter „narzisstisch“ zusammengefasst? Welche Erfahrungen haben dazu geführt, dass genau diese Erklärung plausibel geworden ist?
Systemisch-konstruktivistisches Denken beginnt dort, wo wir unsere eigenen Beschreibungen wieder als Beschreibungen erkennen.
Wir sehen die Welt nicht voraussetzungslos. Wir sehen sie durch die Unterscheidungen, die uns zur Verfügung stehen.
Beobachtung ist bereits Auswahl
Stellen wir uns einen Paarstreit vor.
Sie sagt: „Du hörst mir nie zu.“
Er antwortet: „Du redest auch ständig auf mich ein.“
Eine Kamera könnte vielleicht aufzeichnen, wer wann gesprochen hat. Aber selbst damit wäre noch nicht geklärt, was „zuhören“ bedeutet.
Für sie könnte Zuhören heißen: Blickkontakt, Nachfragen, emotionale Resonanz und Zeit. Für ihn vielleicht: Ich habe gehört und verstanden, was gesagt wurde.
Beide beziehen sich auf denselben Abend. Und leben möglicherweise in zwei unterschiedlichen Wirklichkeiten.
Und diese Bedeutung beeinflusst wiederum, wie sie auf das nächste Ereignis reagieren.
Ernst von Glasersfeld und die Frage nach der Wirklichkeit
Wissen als Konstruktion
Zu den wichtigsten Denkern des radikalen Konstruktivismus gehört Ernst von Glasersfeld. Sein Ansatz stellt eine verbreitete Vorstellung von Erkenntnis infrage: die Annahme, Wissen bilde die Welt möglichst genau ab.
Von Glasersfeld schlägt eine andere Sicht vor. Wissen entsteht innerhalb unserer Erfahrung. Wir konstruieren Modelle, Vorstellungen und Erklärungen, mit denen wir uns in unserer Welt orientieren.
Dabei verwendet er den Begriff der Viabilität. Eine Vorstellung muss sich nicht als endgültige Wahrheit beweisen. Sie muss sich als gangbar erweisen. Sie muss funktionieren und Orientierung ermöglichen.
Ein Stadtplan ist dafür ein schönes Bild. Er ist niemals die Stadt. Er enthält keine Gerüche, keine Menschen, keine Geräusche und keine persönlichen Erinnerungen. Und trotzdem kann er hervorragend funktionieren, wenn wir einen bestimmten Ort finden möchten.
Problematisch wird es erst, wenn wir den Stadtplan für die Stadt selbst halten.
Genau das geschieht leicht mit psychologischen Modellen. Eine Diagnose. Ein Persönlichkeitstyp. Ein Bindungsstil. Ein Traumamodell. Auch ein systemisches Modell.
Sie können ausgesprochen nützliche Landkarten sein.
Nehmen wir den Begriff „Bindungsangst“. Ein Mensch zieht sich immer wieder zurück, wenn Beziehungen enger werden. Die Beschreibung kann helfen, Erfahrungen zu ordnen und Zusammenhänge verständlich zu machen.
Doch irgendwann kann aus „Dieses Modell hilft mir“ werden: „Dieser Mensch hat Bindungsangst.“
Und noch etwas später: „Er verhält sich so, weil er bindungsängstlich ist.“
Jetzt hat sich eine hilfreiche Landkarte in eine vermeintliche Wirklichkeit verwandelt.
Was macht diese Erklärung sichtbar – und was lässt sie verschwinden?
Heinz von Foerster und der Beobachter
Beobachtung zweiter Ordnung
Heinz von Foerster führt diesen Gedanken einen entscheidenden Schritt weiter. In der Kybernetik zweiter Ordnung wird nicht nur beobachtet, wie ein System funktioniert. Auch der Beobachter selbst wird Teil der Beobachtung.
Für Beratung hat das enorme Konsequenzen.
Ein Berater steht niemals vollständig außerhalb des Systems, das er beschreibt. Er bringt seine Sprache, seine Ausbildung, seine Werte, seine Erfahrungen und seine Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit mit.
Schon die Frage, die er stellt, lenkt Aufmerksamkeit.
„Seit wann leiden Sie unter Ihrer Bindungsangst?“
In dieser Frage ist bereits erstaunlich viel Wirklichkeit enthalten. Es scheint festzustehen, dass Bindungsangst vorhanden ist, dass der Klient sie besitzt und dass sie etwas ist, worunter er leidet.
Eine andere Frage könnte lauten:
„Was geschieht zwischen Ihnen und einem anderen Menschen, wenn eine Beziehung enger wird?“
„Woran würden Sie erkennen, dass genau die richtige Menge an Nähe entstanden ist?“
Jede Frage öffnet bestimmte Wirklichkeiten und lässt andere vorläufig in den Hintergrund treten.
Damit entsteht eine besondere Anforderung an professionelle Beratung. Nicht nur: Was sehe ich? Auch: Wie kommt es, dass ich genau das sehe?
Warum empfinde ich einen Klienten spontan als kalt? Warum identifiziere ich mich stärker mit seinem Gegenüber? Welche Erfahrungen aus meinem eigenen Leben könnten mitschwingen? Welches theoretische Modell verwende ich gerade?
Unsere blinden Flecken
Menschen sehen häufig gerade jene Voraussetzungen nicht, durch die sie sehen.
Jemand ist etwa überzeugt: „Ein guter Partner möchte möglichst viel Zeit gemeinsam verbringen.“
Diese Annahme erscheint vielleicht so selbstverständlich, dass sie überhaupt nicht mehr als Annahme wahrgenommen wird.
Der Partner braucht viel Rückzug. Nun erscheint dieser Rückzug als Zeichen mangelnder Liebe.
Eine systemische Frage könnte lauten: „Woran erkennen unterschiedliche Menschen eigentlich Liebe?“
Mit einem Satz wird aus einer scheinbaren Wahrheit wieder eine mögliche Beschreibung.
Rolf Arnold und die emotionale Konstruktion der Welt
Emotionaler Konstruktivismus und Ermöglichung
Rolf Arnold verbindet konstruktivistische Perspektiven mit Lernen, Bildung, Persönlichkeit und Emotion. Sein Konzept des Emotionalen Konstruktivismus erinnert daran, dass unsere Wirklichkeitskonstruktionen keineswegs nur intellektuell sind.
Wir konstruieren Welt auch emotional.
Unsere bisherigen Erfahrungen beeinflussen, was wir erwarten, was wir für bedrohlich halten, worauf unsere Aufmerksamkeit sofort anspringt und was wir kaum bemerken.
Ein Mensch, der früh gelernt hat, dass Kritik häufig mit Beschämung verbunden war, kann dieselbe Rückmeldung völlig anders erleben als jemand, der Kritik als selbstverständlichen Teil von Lernen und Entwicklung kennengelernt hat.
Beide hören möglicherweise denselben Satz.
Aber sie erleben nicht dasselbe.
Ein Chef sagt: „Können wir morgen noch einmal über Ihren Entwurf sprechen?“
Der erste Mitarbeiter denkt: „Gut. Dann können wir ihn verbessern.“
Der zweite: „Er ist unzufrieden mit mir.“
Der dritte: „Typisch. Er kontrolliert wieder alles.“
Ein Satz. Drei Bedeutungswelten. Und wahrscheinlich drei unterschiedliche körperliche Reaktionen: Neugier, Anspannung, Ärger.
Menschen reagieren nicht lediglich auf Ereignisse. Sie reagieren auf die Bedeutung, die Ereignisse innerhalb ihrer bisherigen Erfahrung erhalten.
Genau das erklärt auch, warum Veränderung sich so selten durch bloße Information herstellen lässt.
Arnolds Begriff der Ermöglichung beschreibt eine andere Idee professioneller Begleitung.
Vom Experten für Menschen zum Experten für Prozesse
Psychologische Beratung verführt leicht zu einer hierarchischen Vorstellung: Der Klient erzählt. Der Berater analysiert. Dann erklärt der Berater dem Klienten, was eigentlich mit ihm los ist.
Manchmal kann eine solche Einordnung hilfreich sein. Doch sie birgt eine Gefahr.
Der Berater beginnt, zum Experten für den Menschen zu werden.
Systemisch-konstruktivistisches Denken verschiebt die Expertise.
Der Berater besitzt Wissen über Kommunikationsprozesse, Beziehungsmuster, Entwicklungsmodelle, Diagnostik, Fragetechniken und Veränderungsprozesse.
Der Klient besitzt Wissen über sein eigenes Leben.
Der Berater ist Experte für die Gestaltung des Prozesses. Der Klient bleibt Experte seiner Lebenswirklichkeit.
Hypothesen statt Wahrheiten
Eine zentrale Arbeitsweise systemischer Beratung besteht im Bilden von Hypothesen.
Vielleicht stabilisiert der Rückzug eines Menschen kurzfristig sein Gefühl von Autonomie. Vielleicht verstärkt das intensive Nachfragen seines Partners unbeabsichtigt diesen Rückzug. Vielleicht erlebt das Gegenüber Distanz aufgrund früherer Erfahrungen besonders schnell als Verlassenwerden.
All diese Hypothesen können hilfreich sein.
Oder falsch.
Genau darin liegt ihre Qualität.
Hilfreiche Hypothesen öffnen. Geschlossene Hypothesen machen aus Möglichkeiten Gewissheiten.
„Er manipuliert Sie, weil er ein Narzisst ist.“
Dieser Satz kann schnell eine geschlossene Wirklichkeit erzeugen.
Eine andere Hypothese könnte lauten:
„Könnte Kontrolle in Situationen von Unsicherheit für diesen Menschen eine Möglichkeit sein, wieder ein Gefühl von Sicherheit herzustellen?“
Seine Wirkung kann weiterhin schädlich sein. Grenzen können notwendig bleiben. Verantwortung verschwindet nicht. Aber die Beschreibung erzeugt mehr Möglichkeiten.
Sprache ist niemals nur Sprache
Systemisch-konstruktivistisches Denken nimmt Wörter ernst. Denn Sprache beschreibt Wirklichkeit nicht nur. Sie ordnet sie.
„Problemkind“
oder
„Kind, das in bestimmten Situationen sehr stark reagiert“
„Therapieresistent“
oder
„Die bisherigen Angebote haben für diesen Menschen noch nicht funktioniert“
„Narzisst“
oder
„Ein Mensch, dessen Selbstwert in bestimmten Situationen stark von Anerkennung und Kontrolle abhängig zu sein scheint“
Welche Beschreibung eröffnet Handlungsmöglichkeiten?
Das ist vielleicht einer der wichtigsten Prüfsteine systemischer Sprache.
Konstruktivismus bedeutet keine Beliebigkeit
Wenn Wirklichkeit konstruiert wird, könnte man daraus schließen, alles sei nur Ansichtssache.
Das wäre eine grobe Verkürzung.
Menschen erleben reale Konsequenzen. Gewalt verletzt. Demütigung verletzt. Macht existiert. Körperliche Erkrankungen existieren. Armut existiert. Eine klinische Diagnose kann sinnvoll und notwendig sein.
Systemisch-konstruktivistisches Denken leugnet solche Realitäten nicht.
Es stellt zusätzlich die Frage:
Wenn ein Mensch geschlagen wurde, ist Gewalt geschehen. Über die Tatsache der Gewalt muss kein konstruktivistischer Diskurs geführt werden.
Doch die Bedeutung, die der betroffene Mensch daraus für sein eigenes Leben entwickelt, kann sehr unterschiedlich sein.
„Ich bin schwach.“
„Ich bin schuld.“
„Ich habe überlebt.“
„Ich brauche Schutz.“
„Ich darf Grenzen setzen.“
Die Vergangenheit lässt sich nicht verändern. Die Beziehung eines Menschen zu seiner Vergangenheit kann sich verändern.
Zirkularität und die Frage nach dem Anfang
Systemisches Denken ergänzt die konstruktivistische Perspektive durch Zirkularität.
Unser Alltagsdenken sucht gerne nach Ursachen. Wer hat angefangen? Wer hat das Problem verursacht?
Doch viele Beziehungsmuster funktionieren als Rückkopplung.
Ein Mann zieht sich zurück.
Seine Partnerin wird unsicher.
Sie fragt häufiger nach.
Er erlebt das als Druck.
Er zieht sich stärker zurück.
Sie wird noch unsicherer.
In einem Kreis gibt es keinen natürlichen Anfangspunkt. Der Anfang entsteht durch die Perspektive des Beobachters.
Auch das bedeutet nicht, dass alle Handlungen gleichwertig wären. Zirkularität darf niemals mit Gleichverantwortung verwechselt werden.
Systemisches Denken unterscheidet deshalb Wechselwirkung von Verantwortung und Interaktion von Macht.
Vielleicht ist Neugier die wichtigste Methode
Systemisch-konstruktivistisches Denken wird häufig über Methoden vermittelt: zirkuläre Fragen, Reframing, Skalierungen, Ausnahmen und Hypothesen.
Doch hinter all diesen Methoden steht etwas Grundlegenderes:
Neugier auf den Menschen. Neugier auf die eigene Wahrnehmung. Neugier auf Ausnahmen. Neugier auf alternative Erklärungen. Neugier auf bisher übersehene Ressourcen.
Und die Bereitschaft, eine eigene Hypothese wieder loszulassen.
Das klingt einfach. In der Praxis ist es anspruchsvoll. Denn wir Menschen lieben Gewissheit. Kategorien entlasten. Erklärungen beruhigen.
Systemisches Denken hält einen kleinen Zwischenraum offen: zwischen Beobachtung und Urteil, zwischen Erfahrung und Erklärung, zwischen Diagnose und Identität.
Drei Denker – drei Fragen
Ernst von Glasersfeld:
Wie konstruieren wir das, was wir für Wirklichkeit halten?
Heinz von Foerster:
Wie beeinflusst der Beobachter das, was er beobachtet?
Rolf Arnold:
Welche emotionalen und biografischen Muster organisieren unsere Wahrnehmung –
und wie können neue Erfahrungen möglich werden?
Ich nehme deine Wirklichkeit ernst.
Ohne sie zur einzig möglichen Wirklichkeit zu erklären.
Warum dieser Blick gerade beim Thema Narzissmus wichtig ist
Der gegenwärtige Narzissmusdiskurs zeigt exemplarisch, wie schnell Beschreibungen zu scheinbaren Wahrheiten werden können.
Aus Verhalten wird eine Eigenschaft. Aus der Eigenschaft entsteht eine Identität. Und die Identität wird anschließend zur Erklärung des Verhaltens.
„Er verhält sich so, weil er Narzisst ist.“
Damit schließt sich der Kreis.
In unserem Beitrag „Narzissmus – was ist das?“ untersuchen wir zwölf typische Denkfehler dieses Diskurses aus systemischer Perspektive.
Die systemisch-konstruktivistische Haltung versucht, den Kreis wieder zu öffnen: Was geschieht konkret? Wann? Mit wem? Unter welchen Bedingungen? Mit welcher Wirkung? Welche Funktion könnte ein Verhalten erfüllen? Welche Machtverhältnisse wirken? Welche anderen Beschreibungen wären denkbar?
Systemisches Denken als eingeübte Haltung
Systemisch-konstruktivistisches Denken ist keine Theorie, die man einmal verstanden hat und anschließend besitzt.
Es ist eine Haltung, die immer wieder eingeübt werden muss.
Auch Berater haben blinde Flecken. Auch Berater bevorzugen bestimmte Erklärungen. Auch Berater können Menschen vorschnell kategorisieren.
In unserem ausführlichen Grundlagenartikel „Was ist systemische Beratung?“ führen wir diese Perspektive weiter aus.
Erst beobachten.
Dann verstehen.
Und erst danach benennen.
Vielleicht liegt die besondere Qualität systemisch-konstruktivistischen Denkens darin, dass es Menschen nicht weniger ernst nimmt, sondern mehr.
Es reduziert sie nicht auf eine Diagnose. Nicht auf ihr schwierigstes Verhalten. Nicht auf eine Theorie.
Es lässt Raum für Geschichte, Kontext, Beziehung, Verantwortung und Entwicklung.
Denn ein Mensch ist immer mehr als die Beschreibung, die wir gerade von ihm haben.
Systemisches Denken praktisch vertiefen
Systemische Haltung entsteht nicht allein durch Theorie. Sie entwickelt sich durch Anwendung, Reflexion, praktische Erfahrung und die Bereitschaft, auch die eigene Wahrnehmung immer wieder zu hinterfragen.
In unserer Ausbildung Systemische Beratung verbinden wir diese erkenntnistheoretische Haltung mit konkreten Beratungsinstrumenten und praktischer Arbeit.
<a class="cta-link" href="https://tba.care/ausbildung-systemische-beratung/"> Mehr über die Ausbildung Systemische Beratung erfahren →