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Systemisch-konstruktivistische Perspektiven

Die 12 Denkfehler im Narzissmusdiskurs

Was sich verändert, wenn wir Menschen systemisch betrachten

Kaum ein psychologischer Begriff ist in den vergangenen Jahren so tief in unsere Alltagssprache eingedrungen wie der Begriff „Narzissmus“.

Wir sprechen vom narzisstischen Partner, von der narzisstischen Mutter, vom narzisstischen Chef. Begriffe wie Gaslighting, Lovebombing, Silent Treatment, Hoovering oder toxische Beziehung sind längst nicht mehr nur in psychologischen Fachkreisen bekannt. Sie begegnen uns in sozialen Medien, Podcasts, Zeitschriften, Ratgeberbüchern und alltäglichen Gesprächen.

Das hat durchaus eine hilfreiche Seite. Menschen finden Worte für Erfahrungen, die sie vorher kaum benennen konnten. Sie erkennen Muster von Abwertung, Kontrolle, Manipulation, emotionaler Verunsicherung oder mangelnder Verantwortungsübernahme. Manchmal entsteht dadurch erstmals die Möglichkeit, Grenzen zu setzen oder sich aus schädlichen Beziehungen zu lösen.

Was geschieht mit unserer Wahrnehmung, sobald wir einen Menschen „Narzisst“ nennen?

Denn jede Beschreibung macht etwas sichtbar. Und jede Beschreibung lässt zugleich etwas anderes verschwinden.

Eine systemisch-konstruktivistische Perspektive interessiert sich deshalb weniger dafür, ob ein Etikett endgültig „richtig“ ist. Sie fragt vielmehr: Was beobachten wir konkret? Wer beschreibt hier eigentlich wen? In welchem Zusammenhang tritt ein Verhalten auf? Welche Funktion könnte es erfüllen? Welche Wechselwirkungen entstehen? Und welche Wirklichkeit erzeugen wir möglicherweise selbst durch die Begriffe, die wir verwenden?

Diese Fragen verändern den Blick. Sie verschieben den Fokus vom vermeintlichen Wesen eines Menschen hin zu seinem Verhalten, seinen Beziehungen, seinen Schutzbewegungen und den Dynamiken, in denen dieses Verhalten entsteht.

01

Wenn aus Verhalten Identität wird

Ein Mensch reagiert auf Kritik mit Abwertung. Ein anderer übernimmt in Konflikten kaum Verantwortung. Jemand sucht auffällig stark nach Anerkennung. Ein Mensch versucht immer wieder, die Deutung eines Konflikts zu kontrollieren.

Das alles sind zunächst Beschreibungen von Verhalten.

Doch sehr schnell geschieht etwas anderes. Aus „Dieser Mensch verhält sich in bestimmten Situationen so“ wird „Dieser Mensch ist so“. Und schließlich: „Er ist ein Narzisst.“

Damit haben wir, oft ohne es zu bemerken, aus Verhalten eine Eigenschaft und aus der Eigenschaft eine Identität gemacht.

Ein Mensch ist immer mehr als seine schwierigste Verhaltensweise.

Systemisches Denken versucht deshalb, Person, innere Organisation, konkretes Verhalten und die Wirkung dieses Verhaltens voneinander zu unterscheiden.

02

Wenn das Etikett zur Erklärung wird

Hier entsteht ein bemerkenswerter gedanklicher Kreis.

Wir beobachten: „Er kann Kritik kaum ertragen.“

Daraus schließen wir: „Er ist narzisstisch.“

Dann fragen wir: „Warum kann er Kritik nicht ertragen?“

Und antworten: „Weil er Narzisst ist.“

Das Verhalten begründet zunächst das Etikett. Anschließend wird das Etikett zur Erklärung des Verhaltens.

Eine systemische Perspektive öffnet diesen Kreis wieder. Sie fragt: Was genau geschieht? Wann geschieht es? Wann nicht? Welche Bedeutung hat die Situation für diesen Menschen? Und was verändert sich durch die Reaktion des Gegenübers?

03

Charakter oder Kontext?

Menschen verhalten sich selten in allen Lebensbereichen gleich. Ein Mensch kann gegenüber seinem Vorgesetzten zurückhaltend sein, gegenüber seiner Partnerin kontrollierend, gegenüber Freunden großzügig und gegenüber seinem Kind erstaunlich verletzlich.

Wann tritt das Problem nicht auf?

Diese Frage kann ausgesprochen viel verändern. Denn sobald wir Ausnahmen entdecken, ist das vermeintlich stabile Persönlichkeitsmerkmal bereits weniger stabil, als wir zunächst angenommen haben.

04

Der Beobachter gehört zur Beobachtung

Wenn wir sagen „Diese Person ist narzisstisch“, klingt es, als hätten wir eine objektive Eigenschaft entdeckt.

Aus konstruktivistischer Sicht wäre die Aussage vorsichtiger: „Ich beschreibe bestimmte Verhaltensweisen dieses Menschen mithilfe des Begriffs Narzissmus.“

Jede Beobachtung hängt davon ab, wer beobachtet, worauf er achtet, welche Erfahrungen er mitbringt und welche Begriffe ihm zur Verfügung stehen.

Auch der Beobachter gehört zur Beobachtung.

05

Wirkung, Funktion und Absicht

Ein Mensch kann sich nach einem Gespräch klein, verwirrt oder kontrolliert fühlen. Diese Wirkung ist real.

Daraus folgt jedoch noch nicht automatisch, dass das Gegenüber bewusst beschlossen hat, genau diese Wirkung hervorzurufen.

Systemisches Denken unterscheidet deshalb zwischen Wirkung, Funktion und Absicht. Ein Verhalten kann kontrollierende Wirkung haben, eine Schutzfunktion erfüllen und teilweise unbewusst erfolgen.

Wir versuchen zu verstehen, was ein Verhalten leistet, ohne seine Wirkung zu entschuldigen.

06

Menschen entstehen nicht linear

Persönlichkeitsentwicklung entsteht aus komplexen Wechselwirkungen: Temperament, Bindungserfahrungen, Familiendynamik, kulturelle Normen, Peergruppen, Lernerfahrungen, Statussysteme, Verletzungen, Ressourcen und Lebensereignisse wirken miteinander.

Welche Bedingungen haben gemeinsam dazu beigetragen, dass genau diese Form der Selbst- und Beziehungsgestaltung sinnvoll oder notwendig geworden ist?

Diese Frage verändert auch die therapeutische Perspektive. Wenn etwas entstanden ist, kann es sich prinzipiell auch weiterentwickeln.

07

Wenn Person und Verhalten verschmelzen

„Er ist manipulativ.“ „Sie ist egoistisch.“ „Er ist empathielos.“

Solche Beschreibungen machen schnell aus Handlungen Eigenschaften und aus Eigenschaften Personen.

Präziser wäre beispielsweise: „In den beschriebenen Konflikten versucht er häufig, die Interpretation der Situation zu kontrollieren.“

Das klingt weniger spektakulär. Dafür bleibt Entwicklung möglich.

08

Täter, Opfer und die Gefahr fester Rollen

Es gibt psychische Gewalt. Es gibt Missbrauch. Es gibt Kontrolle. Es gibt Menschen, die andere erheblich schädigen, und Menschen, die Schutz benötigen.

Systemische Betrachtung darf das niemals verwischen.

Die Erfahrung eines Menschen muss vollständig ernst genommen werden. Und kein Mensch ist vollständig mit einer einzigen Rolle identisch.

09

Systemisch heißt nicht: Beide sind schuld

Zirkularität bedeutet keine Symmetrie. Zwei Menschen können Teil desselben Beziehungssystems sein und dennoch über völlig unterschiedliche Macht, Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten verfügen.

Verstehen ist keine Entschuldigung. Kontext ist keine Entlastung von Verantwortung.

10

Wenn die Diagnose die Neugier beendet

Sobald wir glauben zu wissen, was jemand „ist“, hören wir leicht auf zu fragen.

Eine systemische Haltung versucht deshalb, Diagnosen als Landkarten zu verwenden.

Keine Landkarte ist die Landschaft selbst.

Die entscheidende Frage lautet deshalb auch: Was übersehe ich möglicherweise, wenn ich ausschließlich durch diese Diagnose schaue?

11

Sprache erschafft Handlungsmöglichkeiten

Sprache bildet Wirklichkeit nicht einfach ab. Sprache gestaltet Beziehung.

Wenn ich einen Menschen innerlich bereits als manipulativ, toxisch oder narzisstisch organisiert habe, höre ich ihm anders zu, stelle andere Fragen und entdecke andere Bedeutungen.

Welche Wirklichkeit entsteht durch die Beschreibung, die wir wählen?

12

Vom Etikett zum Prozess

Vielleicht besteht der entscheidende Unterschied zwischen einer etikettierenden und einer systemischen Sichtweise darin, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.

Die etikettierende Frage: Was ist dieser Mensch?

Die systemische Frage: Was geschieht hier?

Dann öffnen sich weitere Fragen: Wann geschieht es? Wann nicht? Mit wem? Was geht voraus? Was folgt darauf? Was wird geschützt? Was stabilisiert? Welche Auswirkungen entstehen? Welche Machtverhältnisse wirken? Welche Ressourcen sind bisher unsichtbar?

Aus einem vermeintlichen Persönlichkeitsmerkmal wird ein Prozess. Aus einem Urteil wird eine Hypothese. Aus einer feststehenden Wirklichkeit entstehen wieder Möglichkeiten.

Verstehen ist nicht Entschuldigen

Ein Verhalten kann verständlich sein und trotzdem schädlich. Eine Schutzstrategie kann biografisch nachvollziehbar sein und dennoch Beziehungen zerstören.

Diese Struktur durfte wahrscheinlich aus nachvollziehbaren Gründen entstehen. Die Handlungen, die aus ihr hervorgehen, bleiben dennoch verantwortbar und begrenzbar.

Was das mit systemischer Beratung zu tun hat

Systemische Beratung beginnt nicht mit einer bestimmten Fragetechnik. Sie beginnt mit einer Haltung.

Mit der Bereitschaft, Menschen nicht vorschnell zu erklären. Mit der Fähigkeit, Verhalten in Beziehung und Kontext zu betrachten. Mit der Neugier auf Ausnahmen. Mit dem Bewusstsein, dass auch unsere eigene Wahrnehmung Teil des Beratungsprozesses ist.

Erst beobachten.
Dann verstehen.
Und erst danach benennen.

Vielleicht brauchen wir im gegenwärtigen Narzissmusdiskurs nicht weniger Klarheit. Vielleicht brauchen wir mehr Präzision.

Wir dürfen Abwertung benennen. Wir dürfen Kontrolle begrenzen. Wir dürfen psychische Gewalt ernst nehmen. Wir dürfen uns schützen.

Und gleichzeitig dürfen wir neugierig darauf bleiben, wie Menschen und Beziehungsmuster entstehen.

Denn ein Mensch ist immer mehr als unsere Erklärung über ihn.

Thomas Bach TBAcare · Systemische Beratung

Systemisches Denken vertiefen

Wer Menschen professionell begleitet, braucht mehr als Methoden und psychologische Kategorien.

Es braucht die Fähigkeit, komplexe Wirklichkeiten wahrzunehmen, Beziehungsmuster zu verstehen, hilfreiche Fragen zu entwickeln und neue Handlungsmöglichkeiten sichtbar zu machen.

In unserer Ausbildung Systemische Beratung vermitteln wir genau diese Haltung und die daraus entstehenden praktischen Beratungsinstrumente.

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