
KI-generierte Illustration im Stil eines historischen Hochzeitsfotos.
Auf einem vergilbten Hochzeitsfoto stehen zwei Menschen nebeneinander. Sie schauen ernst in die Kamera, und wir wissen vielleicht kaum etwas über ihr gemeinsames Leben. Doch beim Betrachten tauchen Fragen auf: Was war ihnen wichtig? Was mussten sie aufgeben? Was von ihren Hoffnungen und Ängsten wurde in unserer Familie weitererzählt?
Manchmal führt ein solcher Blick zu einer sehr persönlichen Frage: Darf mein Leben leichter werden als das der Menschen vor mir? Darf ich Hilfe annehmen, wenn sie alles allein tragen mussten? Darf ich glücklich sein, während ich jemanden vermisse?
Rund um Halloween begegnen uns alte europäische Vorstellungen vom Erinnern und von der Nähe zu den Verstorbenen. Sie können heute zum Anlass werden, unsere eigene Verbundenheit zu erkunden. In diesem Beitrag möchte ich deshalb auch der Treue zum System nachgehen: jenen familiären Loyalitäten, in denen Liebe, Dankbarkeit, Verpflichtung und der Wunsch nach einem eigenen Leben manchmal eng beieinanderliegen.
Samhain: der Übergang in den Winter
Im traditionellen irischen Kalender war Samhain am 1. November einer der wichtigen jahreszeitlichen Wendepunkte. Es markierte den Beginn des Winters; gefeiert wurde bereits am Vorabend. Das National Museum of Ireland beschreibt überlieferte Bräuche, bei denen Erinnerung an Verstorbene, Schutz des Hauses, gemeinsames Essen, Spiele und Verkleidungen zusammenkamen. In den Volksvorstellungen konnten die Seelen Verstorbener in dieser Nacht zur Familie zurückkehren.
Auch die Laterne hat eine Geschichte: In Irland wurden Gesichter in Rüben geschnitzt. Der heute vertraute Kürbis ist eine amerikanische Weiterentwicklung. Wer Halloween europäisch betrachten möchte, findet hier eine greifbare Spur. Quelle: National Museum of Ireland.
Bei solchen Überlieferungen lohnt sich Genauigkeit. Über Jahrhunderte haben sich Bräuche verändert, und ältere Vorstellungen sind mit christlichen Traditionen und späteren Entwicklungen zusammengekommen. Die beschriebenen Volksbräuche lassen sich deshalb nicht pauschal als unverändertes Ritual der antiken Kelten lesen.
Ahnen im nordisch-germanischen Raum
Auch im nordischen Teil des germanischen Kulturraums spielte die Beziehung zu den Vorfahren eine wichtige Rolle. Das Lofotr Viking Museum beschreibt die Bedeutung von Ahnen und Grabhügeln in der Wikingerzeit. Die Toten blieben Teil der Vorstellungswelt und der familiären Zugehörigkeit. Vorfahren auf mütterlicher wie väterlicher Seite wurden geschätzt. Quelle: Museum Nord / Lofotr Viking Museum, Abschnitt „Ancestry“.
Das ist eine eigene historische Spur. Aus ihr lässt sich kein gemeinsames „germanisch-keltisches Halloween“ am 31. Oktober ableiten. Die Beispiele zeigen vielmehr, wie unterschiedliche Gemeinschaften ihren Verstorbenen einen Platz gaben. Was wir daraus für unser Leben aufgreifen, ist unsere heutige Deutung.
Treue zum System: das Bedürfnis, dazuzugehören
Mit „System“ ist hier zunächst das Beziehungsgefüge einer Familie gemeint: Menschen, die einander nahestehen, Erwartungen aneinander haben und bestimmte Vorstellungen davon teilen, wie das Leben funktioniert. Solche Zugehörigkeiten entstehen auch in Wahlfamilien, Partnerschaften, Gemeinschaften und beruflichen Zusammenhängen.
„Treue zum System“ verwende ich als einen verständlichen Ausdruck für die Verbundenheit mit diesem Gefüge. Darin liegen kostbare Fähigkeiten: füreinander einstehen, Verantwortung übernehmen, ein Versprechen halten, jemanden durch eine schwere Zeit begleiten. Wir können uns fragen, wann diese Treue uns trägt und wann der Preis dafür zu hoch wird.
Ein wichtiger Bezugspunkt der mehrgenerationalen Familientherapie ist das Werk Unsichtbare Bindungen von Iván Böszörményi-Nagy und Geraldine M. Spark. Es macht Loyalität zwischen Generationen zum Thema. Der Blick richtet sich darauf, was Menschen füreinander getan haben und welche Ansprüche, Verpflichtungen und Vorstellungen von Gerechtigkeit sich damit verbinden. Zum Grundlagenwerk beim Verlag.
Eine solche Perspektive ist ein Angebot zum Verstehen. Ob sie zur eigenen Situation passt, muss offenbleiben. Eine Familie hat keine einheitliche Stimme: Geschwister können dieselben Jahre ganz unterschiedlich erlebt haben. Und ein innerer Konflikt kann viele Gründe haben, von tatsächlichen finanziellen Abhängigkeiten bis zu heutigen Erwartungen anderer Menschen.
Wenn Veränderung sich wie Verrat anfühlt
Stellen wir uns ein erfundenes Beispiel vor: Eine Frau bekommt eine berufliche Chance, über die sie sich lange gefreut hätte. Ihre Eltern haben körperlich hart gearbeitet; Geld und freie Zeit waren knapp. Als sie den neuen Vertrag vor sich liegen hat, spürt sie neben Freude ein Unbehagen. In Gedanken hört sie: „Jetzt hältst Du Dich wohl für etwas Besseres.“ Niemand hat diesen Satz gerade ausgesprochen. Trotzdem beginnt sie, ihre Entscheidung zu rechtfertigen.
Hier könnte eine Frage weiterführen: Wovor hat sie Angst, wenn sie die Chance annimmt? Vor einem tatsächlichen Konflikt? Vor weniger gemeinsamer Zeit? Oder davor, dass ihr anderer Lebensweg als Urteil über das Leben ihrer Eltern verstanden wird?
Vielleicht möchte sie sagen können: „Ich sehe, wie viel Ihr getragen habt. Eure Arbeit hat mir Möglichkeiten eröffnet, die Ihr selbst nicht hattet.“ Ob die Eltern diesen Gedanken teilen können, lässt sich nicht vorwegnehmen. Für die Frau könnte er dennoch eine eigene Haltung ausdrücken: Anerkennung der Herkunft und Verantwortung für die heutige Entscheidung.
Auch Sätze wie „Bei uns hält man durch“, „Familie geht immer vor“ oder „Wir brauchen keine fremde Hilfe“ können zum Nachdenken einladen. Welche Art von Zusammenhalt ermöglichen sie? Welche Bedürfnisse werden darin gut gesehen? Und wer bekommt Schwierigkeiten, sobald er etwas anderes braucht?
Von familiären Aufträgen und inneren Schulden
Manchmal ist eine Erwartung ausgesprochen: „Du wirst später den Betrieb übernehmen.“ Manchmal wird sie nur vermutet: „Ich muss erfolgreich sein, damit sich die Opfer meiner Eltern gelohnt haben.“ Auch „Ich darf Mutter nicht alleinlassen“ kann sich wie ein fester Auftrag anfühlen, obwohl nie gemeinsam geklärt wurde, welche Unterstützung tatsächlich gebraucht wird.
In solchen Situationen lohnt es sich, genau zu unterscheiden: Was wurde vereinbart? Was wünsche ich selbst zu geben? Was nimmt die andere Person wirklich in Anspruch? Und welche Verpflichtung trage ich innerlich mit mir herum, ohne sie je besprochen zu haben?
Eine konkrete Pflegeaufgabe braucht konkrete Antworten: Zeit, Entlastung, Geld, Zuständigkeiten. Wer sich dauerhaft überfordert, braucht oft zuerst praktische Hilfe. Der Begriff Loyalität sollte dabei das Gespräch öffnen und die Lebensumstände genauer sichtbar machen.
Eine weiterführende Frage kann lauten: Wie könnte meine Fürsorge aussehen, wenn meine eigenen Grenzen darin ebenfalls einen Platz hätten? Vielleicht bleibt die liebevolle Verbindung bestehen, während Aufgaben anders verteilt werden. Vielleicht braucht es Abstand, weil gegenwärtig keine verlässliche Beziehung möglich ist. Auch diese Entscheidung verdient Respekt.
Wie Geschichten zwischen Generationen weitergetragen werden
Wir können uns zunächst an das halten, was sich erzählen und beobachten lässt: an wiederkehrende Familiensätze, an Vorbilder, an den Umgang mit Gefühlen, Geld und Konflikten, an Geheimnisse und an die Lebensbedingungen früherer Generationen. Eine Großmutter, die Mangel erlebt hat, mag Vorräte besonders wichtig finden. Wie Kinder und Enkel damit umgehen, bleibt verschieden.
Ein Genogramm kann bei einer solchen Erkundung helfen. Das ist eine erweiterte Familienübersicht, in der neben Verwandtschaft auch Beziehungen und wichtige Lebensereignisse festgehalten werden. Dabei lassen sich Wissen, Erzählungen und offene Fragen nebeneinander notieren: „Das weiß ich.“ „So hat mein Vater es erzählt.“ „Hier fehlen mir Informationen.“ Diese Unterschiede schützen davor, Vermutungen zu festen Familienwahrheiten zu machen.
Für mich gehört zu diesem Blick auch Zurückhaltung: Aus einem ähnlichen Lebensereignis in zwei Generationen lässt sich keine verborgene Ursache ableiten. Ob ein Muster für jemanden Bedeutung hat, kann im gemeinsamen Gespräch erkundet werden. Krankheit oder Krebs auf mangelnde Systemtreue oder ein ungelöstes Ahnenschicksal zurückzuführen, würde Menschen zusätzlich belasten und wäre fachlich nicht begründet.
Verbunden bleiben und ein eigenes Leben führen
Der Familientherapeut Helm Stierlin hat für das Zusammenspiel von Eigenständigkeit und Beziehung den Begriff bezogene Individuation geprägt. In einfachen Worten: Wie kann ich ein eigener Mensch werden und zugleich tragende Beziehungen gestalten? Damit lässt sich die Frage nach Wurzeln und Flügeln genauer fassen. Vertiefung im Systemischen Lexikon von Carl-Auer.
Für den Alltag könnte das bedeuten, einen geerbten Wert in einer neuen Form zu leben. Aus „Wir geben nie auf“ könnte die eigene Haltung werden: „Ich bleibe meinem Anliegen treu und suche Unterstützung.“ Aus „Wir sind immer füreinander da“ könnte werden: „Wir sprechen darüber, was jeder geben kann.“ Solche Sätze sind Vorschläge zum Ausprobieren. Ob sie sich stimmig anfühlen, entscheidet der Mensch selbst.
Eine Veränderung wird dadurch nicht automatisch leicht. Angehörige können enttäuscht reagieren, und manchmal verändert sich eine Beziehung tatsächlich. Umso hilfreicher kann es sein, einen kleinen, tragfähigen Schritt zu wählen: eine Bitte aussprechen, eine Zuständigkeit klären, einen Abend für sich behalten. Die eigene Freiheit wächst im gelebten Umgang mit solchen Entscheidungen.
Ohne Wurzeln keine Flügel
Das Bild von Wurzeln und Flügeln bringt für mich zwei menschliche Bedürfnisse zusammen: Verbundenheit und Freiheit. Herkunft kann Halt geben. Ein liebevoller Blick, handwerkliches Geschick, Humor in schweren Zeiten oder der Mut zum Neubeginn können zu einem persönlichen Schatz werden.
Zur eigenen Geschichte können ebenso Schweigen, Gewalt, Abwertung oder schmerzliche Abwesenheit gehören. Ein freier Umgang mit dieser Herkunft schließt Schutz und Abstand ein. Jeder Mensch darf entscheiden, welche Beziehungen ihm guttun und welche Grenzen er braucht.
Auch wer wenig über seine Vorfahren weiß, kann Halt und Zugehörigkeit finden: bei Pflege- oder Adoptiveltern, Freundinnen und Freunden, Lehrenden, einer Wahlfamilie oder anderen Menschen, die verlässlich da sind. „Wurzeln“ ist hier eine offene Metapher. Neue tragende Beziehungen dürfen im Laufe des Lebens wachsen.
In liebevoller Erinnerung
In diesen Tagen gedenken wir auch der Menschen, die erst vor Kurzem von uns gegangen sind: Theresa, Yvonne und meiner Schwester. Ihre Stimmen, ihre Gesten und die gemeinsam gelebten Momente bleiben uns kostbar.
Unser Herz ist auch bei Dir und allen nahen Angehörigen unserer Leserinnen und Leser. Besonders wenn Ihr gerade um einen geliebten Menschen trauert oder einen Abschied begleitet, senden wir Euch von Herzen Kraft und Liebe. Möget Ihr Menschen an Eurer Seite haben, die Euch halten, zuhören und mit Euch erinnern.
Gerade bei einem frischen Verlust kann auch die Frage nach Treue schmerzlich werden. Darf ich wieder lachen? Darf ich etwas verändern, das wir gemeinsam begonnen haben? Manchen Menschen hilft die Vorstellung, eine Eigenschaft des verstorbenen Menschen im eigenen Alltag weiterleben zu lassen: seinen Humor, ihre Zugewandtheit, einen gemeinsam geteilten Wert. Andere brauchen zunächst Zeit und einen geschützten Platz für das Vermissen. Auch ein guter Moment darf neben dem Schmerz stehen.
Im Beitrag „Trauer verstehen: Wie moderne Trauerkonzepte entlasten“ habe ich beschrieben, wie unterschiedlich solche Wege sein können. Erinnern darf eine Form finden, die zum eigenen Leben und zur eigenen Beziehung passt.
Eine kleine Erkundung der eigenen Loyalitäten
Vielleicht möchtest Du in diesen Herbsttagen einem Menschen aus Deiner Geschichte bewusst einen Moment widmen. Nimm ein Foto oder einen vertrauten Gegenstand dazu, wenn Dir das angenehm ist. Es genügt auch, an jemanden zu denken, dessen Begleitung Dir gutgetan hat.
- Meine Verbindung: Welchem Menschen oder welcher Gemeinschaft fühle ich mich gerade besonders verpflichtet?
- Die vertraute Regel: Welcher Satz beschreibt diese Treue? Etwa: „Ich muss immer erreichbar sein.“
- Der geschützte Wert: Was möchte ich damit bewahren – Liebe, Verlässlichkeit, Anerkennung, Zusammenhalt?
- Meine heutige Grenze: Was brauche ich selbst? Welche tatsächliche Verpflichtung besteht, und was vermute ich nur?
- Eine neue Form: Wie könnte ich den kostbaren Wert bewahren und einen kleinen Schritt freier handeln?
Nimm Dir nur eine Frage vor, die Dich anspricht. Du kannst einen einzigen Satz aufschreiben. Vielleicht möchtest Du später mit einem vertrauten Menschen darüber sprechen. Lass die Übung so klein, wie es Dir entspricht; Du darfst sie jederzeit beenden.
Herkunft und Beziehungen in der Begleitung
Wer andere Menschen berät, begegnet ihren Geschichten oft mitten im Alltag: wenn ein Paar unterschiedliche Vorstellungen von Fürsorge hat, wenn jemand mit Schuldgefühlen eine Grenze setzt oder wenn eine Krebserkrankung die Rollen in einer Familie verändert.
Ein zweites erfundenes Beispiel: Ein Mann mit Krebs sagt, er müsse seiner Familie jeden Wunsch erfüllen, damit sie sich keine Sorgen mache. In der Begleitung wäre zunächst Raum für seine Erfahrung: Was bedeutet Fürsorge für ihn? Welche Wünsche kann er erfüllen, welche erschöpfen ihn? Weiß seine Familie, wie es ihm damit geht? Vielleicht wünschen sich die Angehörigen ebenfalls ein offeneres Gespräch und wissen nicht, wie sie es beginnen sollen.
Der systemische Blick fragt nach diesen Wechselwirkungen und nach konkreten Möglichkeiten zur Entlastung. Die DGSF betont dabei Kontext, Ressourcen und Autonomie der Ratsuchenden. Dazu gehört für mich, Deutungen behutsam anzubieten und sie wieder loszulassen, wenn sie nicht passen. Eine Krebserkrankung wird medizinisch behandelt; Beratung kann dabei unterstützen, Bedürfnisse auszudrücken und Hilfe im persönlichen Umfeld zu gestalten. Zur Haltung systemischer Beratung bei der DGSF.
Unsere systemische Beraterausbildung verbindet systemisches Denken mit praktischen Werkzeugen, Selbsterfahrung und Beratungspraxis. Die beiden Ausbildungswochen 2027 finden vom 4. bis 9. Oktober und vom 1. bis 6. November statt.
Wenn Du Menschen mit Krebs und ihre Angehörigen begleiten möchtest, findest Du in unserer psychoonkologischen Beraterausbildung (POBA) einen entsprechenden Lernweg. Die Präsenztermine 2027 sind im Frühjahr 14.–18. April und 5.–9. Mai, im Herbst 22.–26. September und 20.–24. Oktober.
Ein Dankeschön zu Ehren unserer Ahnen
Zum Jahresende möchten wir Erinnerung mit einer Einladung zur Weiterentwicklung verbinden: Bei Anmeldung vom 1. bis 30. November 2026 geben wir 15 % Jahresendrabatt auf die Kursgebühren der 2027er Kurse.
Dein Rabattcode: Novembergedenken. Gib ihn bei Deiner Anmeldung im November an.
Wenn Dich dieser Weg anspricht, findest Du auf unseren Ausbildungsseiten weitere Informationen. Vielleicht wächst aus dem, was Du mitgebracht hast, im nächsten Jahr etwas, das Du anderen Menschen weitergeben möchtest.
Vielleicht liegt darin eine lebendige Form von Treue: das Kostbare aus unserer Geschichte mitzunehmen und ihm im eigenen Leben eine neue Gestalt zu geben. Wurzeln, aus denen etwas wachsen darf. Und Flügel für einen Weg, den vor uns noch niemand genau so gegangen ist.
Herzlich
Thomas Bach