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Ein Paar sitzt einander zugewandt auf einem Sofa und berührt sich behutsam an den Händen.

„Du fasst mich kaum noch an.“

Stell Dir vor, dieser Satz fällt an einem Sonntagnachmittag am Küchentisch. Anna schaut auf ihre Tasse. Seit der Brustkrebsbehandlung zieht sie sich oft im Bad um. Wenn ihr Partner Martin ins Zimmer kommt, greift sie schnell nach dem Bademantel. Sie schämt sich dafür, dass sie sich schämt. Und sie vermisst seinen Blick, in dem sie sich früher schön gefühlt hat.

Martin legt den Löffel hin. „Ich dachte, Du möchtest das gerade nicht.“

„Ich weiß manchmal selbst nicht, was ich möchte.“ Ihre Stimme wird brüchig. „Aber wenn Du mich gar nicht mehr berührst, denke ich, Du findest mich nicht mehr anziehend.“

Anna und Martin sind erfundene Figuren. Ihre Geschichte begleitet diesen Beitrag über Sexualität und Krebs. Sie macht eine mögliche Erfahrung greifbar: Zwei Menschen sehnen sich nacheinander und ziehen sich trotzdem zurück. Was sie dabei fühlen, bleibt lange unausgesprochen.

Wenn der eigene Körper fremd geworden ist

Anna weiß, was sie überlebt hat. Sie ist froh über die Behandlung. Trotzdem gibt es Tage, an denen sie vor dem Spiegel steht und weinen möchte. Die Veränderungen ihres Körpers lassen sich für sie nicht mit einem dankbaren Gedanken versöhnen.

„Alle sagen, ich soll froh sein“, könnte sie sagen. „Das bin ich ja. Aber ich vermisse mich trotzdem.“

Diese Gefühle dürfen nebeneinander stehen. Jemand kann leben wollen, dankbar sein und zugleich um etwas trauern: um eine Brust, um eine vertraute Empfindung, um die Leichtigkeit, mit der früher ein Kuss zum nächsten führte. Auch Wut kann dazugehören. Niemand muss seinen veränderten Körper schon lieben, um Zuwendung oder Unterstützung zu verdienen.

Krebs und seine Behandlung können Lust, Empfindungen und sexuelle Funktionen verändern. Operationen, antihormonelle Therapien oder bestimmte Medikamente können dabei eine Rolle spielen. Beschwerden wie Trockenheit oder Schmerzen brauchen eine medizinische Abklärung. Welche Veränderungen auftreten, ist individuell. Informationen des National Cancer Institute.

Martin wiederum vermisst ihre körperliche Nähe. Gleichzeitig kommt er sich selbstsüchtig vor, wenn er daran denkt. „Du hast ganz andere Sorgen“, sagt er am Küchentisch. „Da wollte ich Dich nicht auch noch damit belasten.“

Anna schaut auf. „Und ich dachte, Du hast damit schon abgeschlossen.“

Seine Rücksicht hat sich für sie wie Rückzug angefühlt. Ihr Rückzug hat ihn verunsichert. In dieser Beispielgeschichte können beide anfangen, ihre Vermutungen miteinander zu prüfen. Bei anderen Paaren werden dabei auch tatsächliche Unterschiede sichtbar, die sich durch ein Gespräch allein nicht auflösen.

„Ich möchte Dir etwas sagen, und es fällt mir schwer“

Über Sexualität zu sprechen kann sogar mit einem seit Jahren vertrauten Menschen schwer sein. Man sucht nach einem freundlichen Satz und hört sich plötzlich vorwurfsvoll an. Oder man lacht verlegen, obwohl einem zum Weinen ist.

Für Anna könnte ein Anfang so klingen: „Können wir heute Abend über uns reden? Ich vermisse etwas, und ich weiß noch nicht genau, wie ich es sagen soll.“ Ein ruhiger Moment außerhalb einer sexuellen Situation kann dafür geeigneter sein. Auch dann darf der andere sagen, dass es gerade nicht passt.

Später sitzen beide auf dem Sofa. Anna streicht über die Naht des Kissens, bevor sie weiterredet.

„Wenn Du mich küsst, freue ich mich. Und dann denke ich sofort: Hoffentlich erwartet er jetzt mehr. Dann werde ich ganz angespannt.“

Martin atmet hörbar aus. „Ich vermisse Sex schon. Das stimmt. Aber manchmal möchte ich Dich einfach küssen. Ich weiß nur nicht mehr, ob ich das darf.“

Es tut Anna weh zu hören, was ihm fehlt. Sie braucht einen Moment, bevor sie antworten kann. „Ich kann Dir gerade nicht versprechen, wann ich wieder Lust habe.“

„Das weiß ich“, sagt er. „Ich bin trotzdem traurig darüber.“

Ein solches Gespräch muss nicht sofort erleichtern. Es kann zunächst traurig machen, weil die Veränderung nun ausgesprochen ist. Beide dürfen erzählen, was ihnen fehlt. Aus der Sehnsucht des einen entsteht keine Verpflichtung für den anderen. Wenn die Unterschiede dauerhaft belasten oder Gespräche immer wieder verletzend werden, kann Paar- oder Sexualberatung unterstützen.

Was die aktuelle Forschung dazu beiträgt

Dass Sexualität und Intimität bei Krebs Unterstützung verdienen, greift auch eine 2026 veröffentlichte Studie von Reese und ihrem Team auf. 55 Paare wurden zufällig zwei Gruppen zugeteilt: vier begleitete Videogespräche mit Informationen und Übungen oder übliche Versorgung plus ausführliche Informationsbroschüre. Die Patientinnen lebten mit metastasiertem Brustkrebs und berichteten sexuelle Beschwerden.

Nach sechs Monaten zeigten sich in der begleiteten Gruppe unter anderem größere Verbesserungen bei sexueller Funktion und Zufriedenheit der Patientinnen sowie bei sexueller Kommunikation und erlebter Intimität ihrer Partnerinnen oder Partner. Die kleine, ausgewählte Stichprobe begrenzt die Übertragbarkeit. Untersucht wurde ein vollständiges Programm; die Beispieldialoge dieses Beitrags sind keine daraus abgeleitete geprüfte Behandlung. Reese et al., Cancer 2026.

Eine Berührung, bei der beide bleiben möchten

„Ich würde mich gern an Dich lehnen“, sagt Anna später. „Aber ich möchte heute nicht ausgezogen werden.“

„Gut“, sagt Martin. „Möchtest Du meinen Arm um Dich?“

Sie nickt und rückt zu ihm. Für einen Moment merkt sie, wie sehr ihr diese Wärme gefehlt hat. Dann verschiebt sie seinen Arm ein wenig, weil die Stelle unangenehm ist. „So ist es besser.“ Er lässt den Arm dort liegen.

Dieses kleine Einverständnis gilt für genau diese Berührung. Anna darf ihre Meinung ändern. Martin ebenfalls. Ein Kuss, eine Umarmung oder gemeinsames Liegen verpflichten zu keinem weiteren Schritt.

An einem anderen Tag könnte Anna sagen: „Heute möchte ich lieber Platz für mich.“ Vielleicht ist Martin dann enttäuscht. Er darf das fühlen, und ihre Grenze bleibt bestehen. Nähe lässt sich weder durch Dankbarkeit noch durch ein schlechtes Gewissen erzwingen.

Auch ein gemeinsames Lachen, ein Spaziergang oder ein vertrauter Blick können viel bedeuten. Ob solche Formen gerade passen, finden die Beteiligten miteinander heraus. Niemand muss sie als Ersatz für vermisste Sexualität empfinden. Und niemand muss Sexualität zum Ziel machen, wenn sie im eigenen Leben gerade keine Rolle spielt.

„Es ist mir peinlich, aber ich habe Schmerzen“

Vielleicht hat Anna diesen Satz schon vor mehreren Arztterminen im Kopf gehabt und ihn dann doch wieder heruntergeschluckt. Es gab Befunde zu besprechen, Medikamente, die nächste Untersuchung. Ihre Frage kam ihr plötzlich klein vor.

Schmerzen beim Sex, Brennen, Trockenheit oder andere belastende Veränderungen verdienen einen eigenen Platz im Gespräch mit dem Behandlungsteam. Eine mögliche Formulierung lautet: „Seit der Behandlung habe ich Beschwerden bei Berührung und beim Sex. Ich möchte wissen, was wir dagegen tun können.“ Es darf auch ein eigener Termin dafür erbeten werden.

Bei Scheidentrockenheit unter Antihormontherapie können Fachleute etwa zu geeigneten hormonfreien Präparaten beraten. Ob eine örtliche hormonelle Behandlung infrage kommt, erfordert eine individuelle ärztliche Abwägung, besonders bei hormonempfindlichem Brustkrebs. Informationen des Krebsinformationsdienstes.

Auch ein liebevolles Gespräch kann körperliche Beschwerden nicht zuverlässig beseitigen. Anna muss Schmerzen nicht aushalten, um Martin Nähe zu zeigen.

Wenn jemand mit uns über das Schwierige spricht

In einem psychoonkologischen Gespräch könnte Anna sagen: „Ich traue mich kaum, das auszusprechen. Ich möchte wieder begehrt werden. Und gleichzeitig möchte ich mich verstecken.“

Eine begleitende Person kann nachfragen: „Was macht Dir am meisten Angst, wenn Martin Dich sieht?“ Die Antwort könnte von Scham erzählen, von einer schmerzhaften Erfahrung oder von etwas, das Anna bisher selbst noch nicht in Worte fassen konnte. Es braucht die Bereitschaft zuzuhören, bevor jemand eine Lösung vorschlägt.

Auch Martin könnte Unterstützung für seine Traurigkeit und seine Unsicherheit suchen. Beratung ist einzeln möglich; ein gemeinsames Gespräch setzt das Einverständnis beider voraus. Medizinische Fragen gehören zum Behandlungsteam. Bei weitergehenden sexuellen oder partnerschaftlichen Belastungen können spezialisierte Sexualberatung, Paartherapie oder Psychotherapie sinnvoll sein.

Am Ende unseres Beispielabends sitzen Anna und Martin noch auf dem Sofa. Ihre Wünsche sind weiterhin verschieden. Auf dem Tisch steht die kalte Teetasse. Anna sagt: „Ich bin froh, dass Du mir erzählt hast, wie es Dir geht. Auch wenn es wehgetan hat.“ Martin drückt kurz ihre Hand.

Vielleicht ist das heute genug. Für die nächsten Gespräche dürfen sie sich Zeit und Hilfe nehmen.

Menschen in solchen Momenten zu begleiten verlangt Fachwissen und die Fähigkeit, Scham, Sehnsucht und Traurigkeit auszuhalten. In unserer Weiterbildung in psychoonkologischer Beratung beschäftigen wir uns damit, wie ein Gespräch dafür Raum geben kann und wann weitere fachliche Unterstützung gebraucht wird.

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