Systemik · Macht · Verantwortung
Systemisch heißt nicht:
Beide sind schuld
Warum Zirkularität Verantwortung nicht aufhebt
Es gibt einen Einwand gegen systemisches Denken, der verständlich ist und ernst genommen werden muss: Wenn Beziehungen als Wechselwirkung betrachtet werden – heißt das dann am Ende, dass beide gleichermaßen verantwortlich sind?
Gerade Menschen, die psychische Gewalt, Kontrolle, Demütigung oder Missbrauch erlebt haben, reagieren auf systemische Formulierungen manchmal mit Misstrauen.
„Dann habe ich ihn also provoziert?“
„Dann bin ich selbst schuld, weil ich geblieben bin?“
„Dann haben wir beide dieses Muster erzeugt?“
Wenn systemisches Denken so verstanden wird, wäre die Kritik berechtigt. Denn Wechselwirkung und Verantwortung sind zwei verschiedene Ebenen.
Zirkularität beschreibt Wechselwirkungen. Sie verteilt keine Schuld.
Eine Beziehung kann zirkulär organisiert sein, während Macht, Handlungsmöglichkeiten und Verantwortung zugleich höchst ungleich verteilt sind.
Ein Paar im Beratungsraum
Anna und Markus
Anna sitzt mit verschränkten Armen auf dem Sofa. Neben ihr Markus. Er lehnt sich zurück, schaut zur Seite und antwortet zunächst kaum.
Anna: „Er redet einfach nicht mit mir. Wenn wir Streit haben, verschwindet er. Manchmal für Stunden.“
Markus: „Ich verschwinde nicht. Ich versuche nur, dass es nicht eskaliert.“
Anna: „Du nennst das Deeskalation? Du lässt mich einfach stehen.“
Markus: „Weil du mir keine Luft lässt! Wenn ich sage, ich brauche zehn Minuten Ruhe, kommst du hinterher und redest weiter.“
Anna schaut zur Beraterin.
„Sehen Sie? Genau so ist es immer.“
An dieser Stelle könnte eine systemische Beraterin eine Schleife erkennen. Anna erlebt Rückzug als Bedrohung. Sie sucht Kontakt. Markus erlebt diesen Kontakt als Druck. Er zieht sich stärker zurück. Sein Rückzug verstärkt wiederum Annas Unsicherheit.
Beraterin: „Wenn Markus sich zurückzieht – was passiert dann als Erstes in Ihnen?“
Anna: „Ich bekomme Panik. Ich denke sofort: Jetzt ist alles vorbei.“
Beraterin zu Markus: „Und wenn Anna Ihnen dann folgt und weiterreden möchte?“
Markus: „Dann fühle ich mich eingesperrt.“
Jetzt wird sichtbar: Beide reagieren aufeinander.
Doch damit ist noch nichts über Schuld oder Gleichverantwortung gesagt.
Anna erzählt weiter:
„Manchmal nimmt er mir dann mein Handy weg. Er sagt, ich soll niemandem erzählen, was bei uns passiert.“
An diesem Punkt verändert sich die Situation.
Die Beraterin darf jetzt nicht einfach sagen: „Interessant, wie Sie beide dieses Muster gemeinsam erzeugen.“
Denn das Wegnehmen des Handys ist eine konkrete Handlung. Für diese Handlung ist Markus verantwortlich.
Zwei Wahrheiten können gleichzeitig bestehen
Das ist eine der schwierigsten Anforderungen systemischer Beratung: Mehrere Wahrheiten müssen gleichzeitig gehalten werden.
Anna kann durch ihr Nachfragen den Rückzug von Markus verstärken. Markus kann durch seinen Rückzug Annas Angst verstärken. Und Markus kann zusätzlich Handlungen ausführen, die kontrollierend oder übergriffig sind.
Diese Ebenen dürfen nicht miteinander verwechselt werden.
Systemisches Denken fragt nach Wechselwirkung.
Ethik fragt nach Verantwortung.
Eine gute Beratung braucht beides.
Wenn eine scheinbar systemische Frage Schuld erzeugt
„Vielleicht provoziere ich ihn wirklich.“
Eine Frau berichtet in einer Beratung:
„Mein Mann beschimpft mich manchmal so lange, bis ich irgendwann zurückschreie.“
Der Berater fragt:
„Was tun Sie denn, dass Ihr Mann so wütend wird?“
Es wird still. Die Frau schaut auf ihre Hände.
„Vielleicht provoziere ich ihn wirklich.“
Hier kann eine scheinbar systemische Frage Schaden anrichten. Denn die Frage enthält bereits eine Richtung:
Ihr Verhalten verursacht seine Wut.
Eine andere Frage könnte lauten:
Berater: „Was geschieht normalerweise unmittelbar bevor er Sie beschimpft?“
Frau: „Oft sage ich ihm, dass ich mit einer Entscheidung nicht einverstanden bin.“
Berater: „Und was tun Sie, wenn die Beschimpfungen beginnen?“
Frau: „Erst versuche ich ruhig zu bleiben. Irgendwann schreie ich zurück.“
Berater: „Was würden Sie sagen: Was ist Ihre Reaktion – und was ist seine Entscheidung?“
Die Frau denkt nach.
„Ich entscheide, irgendwann zurückzuschreien. Aber er entscheidet, mich zu beschimpfen.“
Nicht: Wer ist schuld?
Sondern: Wer tut was? Wer entscheidet was? Wer kann was verändern?
Verantwortung ist kein Kuchen
Vielleicht hilft es, Verantwortung nicht als Kuchen zu betrachten. Wenn einer siebzig Prozent bekommt, bleiben für den anderen dreißig.
So funktioniert Verantwortung nicht.
Zwei Menschen können für ganz unterschiedliche Dinge jeweils vollständig verantwortlich sein.
Ein Mann kann vollständig verantwortlich dafür sein, dass er seine Partnerin beleidigt. Die Partnerin kann vollständig verantwortlich dafür sein, ob und wie sie ihre Grenzen schützt – soweit ihre tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten das zulassen.
Weniger hilfreich:
„Welchen Anteil haben Sie daran?“
Differenzierter:
„Wofür möchten Sie in dieser Situation Verantwortung übernehmen?“
Das Wort „Anteil“ erzeugt schnell den Eindruck eines Kuchens. Verantwortung lässt sich präziser fassen.
Ein Kind ist nicht hälftig verantwortlich
Der zwölfjährige Sohn
Ein Vater kommt mit seinem zwölfjährigen Sohn in die Beratung.
Vater: „Er provoziert mich ständig.“
Beraterin: „Was macht er denn?“
Vater: „Er hört einfach nicht. Ich sage fünfmal, er soll sein Handy weglegen. Irgendwann werde ich eben laut.“
Der Junge schaut auf den Boden.
Junge: „Du wirst nicht nur laut.“
Vater: „Jetzt übertreib nicht.“
Beraterin: „Was passiert dann?“
Junge: „Manchmal packt er mich am Arm.“
Auch hier gibt es ein System. Der Junge reagiert. Der Vater reagiert. Beide beeinflussen sich.
Aber ein Zwölfjähriger trägt nicht dieselbe Verantwortung wie sein Vater. Der Erwachsene verfügt über mehr Macht, mehr Handlungsmöglichkeiten und eine andere Verantwortung für Selbstregulation.
Dasselbe Prinzip gilt zwischen Vorgesetzten und Beschäftigten, zwischen Therapeuten und Klienten, zwischen Pflegebedürftigen und Pflegenden und in Beziehungen mit finanzieller oder körperlicher Abhängigkeit.
Macht gehört in jede systemische Betrachtung
Beziehungen bestehen nicht nur aus Kommunikation und Rückkopplung. Sie bestehen auch aus Macht.
Wer verfügt über Geld? Wer entscheidet über Wohnraum? Wer kann eine Beziehung leichter verlassen? Wer hat institutionelle Autorität? Wer ist körperlich überlegen? Wer ist emotional, wirtschaftlich oder sozial abhängig?
Wer kann hier eigentlich was tun – und wer kann es nicht?
Eine systemische Betrachtung, die Macht nicht sieht, kann paradoxerweise genau jene Strukturen stabilisieren, die sie eigentlich verstehen möchte.
Die Mitarbeiterin, die „zu empfindlich“ ist
Macht verändert die Bedeutung einer Reaktion
Mitarbeiterin: „Mein Chef macht ständig Witze über mich vor dem Team.“
Coach: „Wie reagieren Sie darauf?“
Mitarbeiterin: „Ich lache meistens mit.“
Coach: „Warum?“
Mitarbeiterin: „Weil ich sonst als humorlos gelte.“
Coach: „Und was passiert, wenn Sie nicht lachen?“
Mitarbeiterin: „Dann sagt er: Jetzt sei doch nicht so empfindlich.“
Auf den ersten Blick könnte man eine kommunikative Schleife sehen: Der Chef macht eine Bemerkung. Die Mitarbeiterin lacht. Der Chef interpretiert ihr Lachen möglicherweise als Zustimmung.
Doch das Lachen kann weniger Zustimmung als Schutzstrategie sein.
Eine präzisere Frage lautet deshalb:
„Welche Möglichkeiten haben Sie in dieser Situation tatsächlich, ohne Nachteile befürchten zu müssen?“
Nicht jede Reaktion, die ein System stabilisiert, ist frei gewählt.
Verstehen ist keine Entschuldigung
Vielleicht kontrolliert ein Mensch seinen Partner, weil er Verlustängste erlebt. Vielleicht wertet jemand andere ab, wenn sein Selbstwert bedroht ist. Vielleicht reagiert ein Mensch aggressiv, weil er sich schnell beschämt oder ausgeliefert fühlt.
Solche Erklärungen können hilfreich sein. Sie können Entwicklung erleichtern.
„Ich verstehe, warum du so reagierst.“
und
„Ich akzeptiere nicht, dass du mich so behandelst.“
Beide Aussagen können gleichzeitig wahr sein.
Eine Mutter und ihre erwachsene Tochter
Wenn Anpassung einmal Beziehung gesichert hat
Tochter: „Meine Mutter kann einfach keine Kritik vertragen.“
Beraterin: „Was passiert, wenn Sie ihr widersprechen?“
Tochter: „Dann fängt sie an zu weinen und sagt, ich sei undankbar.“
Beraterin: „Und was tun Sie dann?“
Tochter: „Ich entschuldige mich meistens.“
Beraterin: „Auch wenn Sie eigentlich noch bei Ihrer Meinung bleiben?“
Tochter: „Ja. Ich halte es nicht aus, wenn sie so leidet.“
Auch hier entsteht eine Schleife. Die Mutter reagiert auf Widerspruch mit starkem emotionalem Ausdruck. Die Tochter zieht ihre Kritik zurück.
Vielleicht hat die Tochter dieses Verhalten jedoch seit ihrer Kindheit gelernt. Vielleicht war emotionale Anpassung lange notwendig, um Beziehungssicherheit zu erhalten.
Veränderung könnte bedeuten, dass sie lernt, das Unbehagen der Mutter auszuhalten, ohne ihre eigene Position sofort zurückzunehmen.
Die Mutter wiederum bleibt verantwortlich dafür, wie sie mit Kritik und den Grenzen ihrer Tochter umgeht.
Wirkung und Absicht auseinanderhalten
Ein Mensch kann einen anderen massiv verletzen, ohne bewusst beschlossen zu haben, ihn zu manipulieren.
Die Wirkung bleibt trotzdem real.
Wirkung kann klar benannt werden, auch wenn die Absicht unklar bleibt.
Wenn „Ich wollte das nicht“ nicht ausreicht
Absicht und Wirkung
Mann: „Ich wollte sie doch gar nicht verletzen.“
Partnerin: „Aber du hast es.“
Mann: „Was soll ich denn machen? Ich kann doch nichts dafür, wenn sie alles persönlich nimmt.“
Die Beraterin fragt:
„Was ist für Sie der Unterschied zwischen Ihrer Absicht und der Wirkung Ihres Verhaltens?“
Mann: „Ich wollte sie nicht verletzen.“
Beraterin: „Das habe ich verstanden. Und welche Wirkung hatte Ihr Verhalten?“
Mann: „Sie war verletzt.“
Beraterin: „Könnten beide Sätze gleichzeitig wahr sein?“
Mann: „Wahrscheinlich schon.“
Nicht jede schädliche Wirkung beweist eine böse Absicht. Aber fehlende böse Absicht hebt die Wirkung nicht auf.
Und was ist mit dem Opferbegriff?
Der Begriff „Opfer“ kann wichtig sein. Er kann anerkennen, dass einem Menschen etwas angetan wurde und Verantwortlichkeiten klar benennen.
Problematisch wird er erst, wenn aus einer Erfahrung eine dauerhafte Wesensbeschreibung wird.
Systemische Beratung versucht deshalb, zwei Bewegungen miteinander zu verbinden: das Geschehene klar benennen und den Menschen nicht darauf reduzieren.
Systemisches Denken fragt nach Handlungsmöglichkeiten
Die Frage nach Wechselwirkung soll nicht Schuld verteilen. Sie soll herausfinden, wo Veränderung beginnen kann.
Manchmal können beide Beteiligten ihr Verhalten verändern. Manchmal muss zuerst Schutz hergestellt werden. Manchmal ist ein gemeinsames Gespräch sinnvoll. Manchmal wäre genau dieses gemeinsame Gespräch gerade nicht verantwortbar.
Welche Veränderung ist in diesem System möglich, hilfreich und verantwortbar?
Neutralität darf nicht Gleichgültigkeit bedeuten
Ein Berater kann versuchen, die Perspektiven verschiedener Beteiligter zu verstehen. Aber Allparteilichkeit bedeutet nicht, gegenüber jeder Handlung neutral zu bleiben.
Man kann einen Menschen als Person würdigen und zugleich eine Handlung klar ablehnen.
Der Mann, der „nur Angst hatte“
Schutzfunktion und Grenzüberschreitung
Klient: „Ich habe ihre Nachrichten gelesen, weil ich Angst hatte, dass sie mich betrügt.“
Berater: „Mit ihrem Wissen?“
Klient: „Nein.“
Berater: „Und wie würden Sie beschreiben, was Sie getan haben?“
Klient: „Ich habe kontrolliert.“
Berater: „Welche Funktion hatte das für Sie?“
Klient: „Ich wollte Sicherheit.“
Berater: „Und welche Wirkung könnte es auf Ihre Partnerin haben?“
Klient: „Dass sie mir nicht mehr vertraut.“
Hier wird die Schutzfunktion verständlich: Angst vor Verlust, Suche nach Sicherheit.
Und trotzdem bleibt die Handlung eine Grenzüberschreitung.
Verstehen, ohne zu entschuldigen.
Warum diese Unterscheidung beim Narzissmusdiskurs wichtig ist
Gerade bei Beziehungen, die heute schnell als „narzisstisch“ bezeichnet werden, geraten diese Ebenen oft durcheinander.
„Der Narzisst ist Täter.“
oder
„Beide erzeugen die Beziehung gemeinsam.“
Beide Aussagen können zu grob sein.
Präziser wäre: Ein bestimmtes Verhalten kann kontrollierend, entwertend oder missbräuchlich wirken. Wir können gleichzeitig untersuchen, wie dieses Verhalten in einer Beziehung eingebettet ist und welche Schutz- und Selbstwertdynamiken beteiligt sind.
Die handelnde Person bleibt trotzdem für ihr Verhalten verantwortlich.
Diesen differenzierten Blick vertiefen wir im Beitrag „Narzissmus – was ist das?“
Systemisch-konstruktivistisch denken
Wenn jede Beschreibung eine Perspektive ist, bedeutet das nicht, dass jede Perspektive gleichermaßen hilfreich wäre.
Eine Beschreibung kann Macht sichtbar machen. Eine andere kann Macht verdecken.
Mehr dazu in unserem Essay „Systemisch-konstruktivistisches Denken – warum unsere Beschreibung nicht die Wirklichkeit ist“.
Systemische Beratung braucht Weite und Klarheit
Ein Verhalten kann eine Schutzfunktion haben und schädlich sein. Eine Beziehung kann zirkulär organisiert sein und asymmetrische Macht enthalten. Ein Mensch kann selbst verletzt worden sein und andere verletzen.
Eine Diagnose kann Orientierung geben und trotzdem niemals einen ganzen Menschen erklären.
Systemisches Denken erweitert den Kontext. Es hebt Verantwortung nicht auf.
Vielleicht lässt sich verantwortungsvolle systemische Beratung deshalb in einem einfachen Satz zusammenfassen:
Verstehe so viel wie möglich.
Und verwische dabei so wenig wie möglich.
Die Grundlagen dieser Haltung beschreiben wir ausführlicher in: „Was ist systemische Beratung?“
Systemisches Denken praktisch erlernen
Professionelle systemische Beratung braucht die Fähigkeit, Zusammenhänge zu sehen, ohne Verantwortung zu verwischen, und Verhalten zu verstehen, ohne seine Wirkung zu verharmlosen.
In unserer Ausbildung Systemische Beratung verbinden wir diese Haltung mit konkreten Methoden, Fallarbeit, systemischer Gesprächsführung und professioneller Selbstreflexion.
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