Ich, Thomas, bin kein Freund von Fragebögen in der Praxis. Dieses Hinschieben und „Füll’n se mal aus, geht ja schnell“ zieht sich meistens viel länger hin als gedacht und dann entsteht eventuell auch noch Zeitdruck und der/die Klient/in fühlt sich beobachtet und unter Druck gesetzt. Da kann nichts wirklich Gutes bei rumkommen. So dachte ich zumindest in der Vergangenheit und habe nie mit Fragebögen gearbeitet.

Dann habe ich mich länger mit dem Thema der Salutogenese beschäftigt und den dazugehörigen Fragebogen (sog. „Sense of Coherence Scale“, z.B. hier) einfach mal am Ende einer Sitzung ausgeteilt mit dem Auftrag: „Schaun se mal, ob Sie Zeit finden bis zum nächsten Mal diesen Bogen auszufüllen, wir können dann immer mal wieder darauf zurückgreifen, wenn es passt.“

Spannenderweise hat jede/r in der nächsten Sitzung den Bogen wieder dabeigehabt und wir konnten sofort aufgrund der Fragen, die beim Beantworten aufgekommen sind, damit tiefer gehen und auch Bereiche beleuchten, die vorher in der Beratung noch gar nicht thematisiert worden sind.

Wie ist der Salutogenese-Fragebogen aufgebaut?

Nun, der Entwickler der salutogenetischen Theorie, Aaron Antonovsky, ist davon ausgegangen, dass Gesundheit einhergeht mit einem Gefühl der Stimmigkeit im Leben. Also alles was mir so passiert und was ich erlebe fühlt sich stimmig für mich an, weil und wenn ich damit gut umgehen kann, es mir auch in meinem Weltbild gut erklären kann und schließlich, weil es irgendwie auch zu dem Sinn in meinem Leben passt. Dieses Gefühl von Stimmigkeit nannte er Kohärenzgefühl, also alles hängt irgendwie zusammen und bildet eine runde Sache.

Salutogenese Konzept Dreieck im Kreis

Nun wird in diesem Fragebogen der Klient auf die Reise in die 3 Bereiche der Handhabbarkeit, Verstehbarkeit und Sinnhaftigkeit mit gezielten Fragen gesandt. In der Auswertung der vergebenen Punkte erkennt der/die Ausfüller/in in welchem der Bereiche von ihr/ihm die wenigsten Punkte vergeben wurde und besonders auch welche Frage die wenigsten Punkte erhalten hat. Dies ist nun also ein Bereich, ein Lebensthema, das es zu entwickeln oder weiter zu beleuchten gilt.

Salutogenese im Praxisalltag

Frau Sieberlich, der ich den Bogen schon vor einem halben Jahr einmal mitgegeben hatte, kam heute in meine Praxis und sagte: „Herr Bach, irgendwie habe ich heute gar kein richtiges Thema, hatten wir nicht noch den Fragebogen zu besprechen, den ich Ihnen mal ausgefüllt habe?“

Ich war überrascht über diese Erinnerung, denn ich hatte den Bogen schon vergessen gehabt. Als wir hineinschauten entdeckten wir eine Frage, die eindeutig zu besprechen war:

Wenn in der Vergangenheit etwas Unangenehmes geschah, neigten Sie dazu…

sich deswegen aufzureiben zu verzehren?

oder

sich zu sagen: “Nun gut, so ist es eben, damit muss ich leben und weitermachen“

Frau Sieberlich hatte hier ihre Auswahl auf der Seite des Aufreibens und Verzehrens gesetzt gehabt. Sie sagte, dass es heute nicht mehr so schlimm sei, denn sie hätte ja schon viel gelernt, aber bei bestimmten Themen hätte sie auch heute noch dieses Gefühl damit nicht richtig umgehen zu können. Eine Frage aus dem Bereich der Handhabbarkeit also.

Ich fordere sie auf mir einen dieser Bereiche zu benennen, mit denen sie meinte nicht so konstruktiv umgehen zu können.

„Na ja in diesen Coronazeiten sind ja viele Leute so richtig aggressiv geworden. Sie spielen sich so als Wächter aller Vorschriften auf und kommen sich dabei auch noch so gut und richtig vor, na so richtige Moralapostel eben, das kennen Sie doch bestimmt auch, oder?“

Ich gehe nicht auf diese Frage ein, hake aber nach, was das denn in ihr erzeugt, denn es ging ja um das Thema Aufreiben: „Welche Gefühle entstehen denn in Ihnen in solchen Situationen?“

„Na ja ich rege mich dann auf, weil mich zum Beispiel jemand darauf hinweist, dass ich meine Maske auch über die Nase hochziehen soll. Ich hab‘ die meistens nur über dem Mund, da ich so schlecht Luft bekomme und meine Brille immer beschlägt. Das nervt mich. Und dann kommt so ein Sittenwächter und ermahnt mich, da platzt mir dann der Kragen und ich muss mich schwer beherrschen den nicht anzuschreien was er sich denn einbilde und ob er wüsste wie es mir geht und so… Sie verstehen schon, gell?“

„Und stattdessen fressen Sie diese Reaktion anscheinend in sich hinein? Tut Ihnen das gut?“

„Nein, ich habe dann den ganzen Tag noch was von dieser Aufregung, mein Blutdruck geht hoch und ich stelle mir immer wieder vor, wie ich den Typen zusammenstauche, was ich aber nicht getan habe. Ich will schon gar nicht mehr einkaufen gehen, weil mich das ganze Coronathema nervt.“

An dieser äußeren Situation werden wir nichts verändern können, aber wie sie damit umgehen, ist natürlich ein Punkt, an dem wir arbeiten können, um wieder etwas mehr Entspannung in Ihr Leben zu bekommen. Wann merken Sie denn, dass Ihre Anspannung losgeht?“

„Na wenn ich schon in meiner Handtasche nach der Maske suche, merke ich wie mir die Galle anfängt hochzuköcheln!“

„Okay, was sagen Sie denn in diesem Moment zu sich selbst und zu dieser Maske?“

„So ein blödes Ding, nützt ja gar nichts, jetzt bekomme ich gleich wieder schlecht Luft, wieso denn nur, das ist doch Freiheitsberaubung und solche Sachen kommen mir da hoch, ich bin dann schon geladen, wenn ich in den Laden gehe.“

„Aha, Sie laden vor dem Laden!“

Die Klientin lacht und stutzt dann. „Ja, ich bin dann wie ein Amokläufer, der mit geladener Pistole durch den Supermarkt läuft. Und dann kommt da einer der anscheinend auch geladen ist und wir duellieren uns. Rauchende Colts oder so. Und mein Colt hat Ladehemmung, weil ich gar nicht schieße. Nur der andere ballert los. Ich muss jetzt auch ein bisschen über mich lachen, weil ich wie John Wayne da rumlaufe und schußbereit bin. Hmm…“

Sie versinkt in ihrer Metapher vom wilden Westen und ich bemerke, dass da gerade etwas bei ihr passiert. Dieses Bild von der geladenen Waffe macht sie nachdenklich. Ich biete ihr noch eine Umdeutung der Situation an:

„Frau Sieberlich, wenn Sie aufkommende Erkältungssymptome hätten, sich aber noch nicht testen konnten und dann noch dringend einkaufen gehen müssten, würden Sie dann die Maske tragen, um auch die anderen zu schützen? Und würden Sie vielleicht darauf hinweisen, wenn einer seine Maske nicht richtig aufhat, dass er sich vor Ihnen besser schützen sollte?“

„Ja natürlich, aber so habe ich das ja noch nie gesehen, dass einer echte Fürsorge für mich hätte und mich vor sich schützen will. Dann könnte ich ja für den Hinweis auch noch dankbar sein! Ja, wenn ich das so betrachte, dann verschwindet meine Wut sofort und ich bin sogar dankbar. Kann das sein? Ich laufe mit geladener Pistole da rum und einer will mich nur schützen…“

Frau Sieberlich wird wieder nachdenklich und es sortieren sich ihre Sichtweisen neu im Gehirn.

„Herr Bach, das werde ich jetzt mal beim nächsten Mal ausprobieren. Ich lasse meinen Colt stecken und denke mir einfach, dass die ganzen Maskenträger mich vor sich schützen. Ich glaube das hilft mir wieder mit Freude einkaufen zu gehen… Na so was. Danke!“

Wir verabschieden uns, nicht ohne vorher die Maske aufzuziehen, die wir in der Praxis abgenommen haben. Beide müssen wir lachen, als ich meinen imaginären Colt in das Holster an meiner Seite zurückschiebe.

Für mehr Informationen zum Thema Salutogenese schaue auch gerne bei diesen älteren Blogartikeln vorbei:

1) Salutogenese & Krebs 

2) Gesundheit-Krankheit-Kontinuum

Oder dieses Video auf unserem Youtube-Kanal hier

Wenn auch Du mit der Salutogenese näher einsteigen willst und v.a. die Praxisumsetzung der Theorie in Deinen Alltag und für Deine Gesundheitsförderung einladen möchtest, dann markiere Dir Deinen Kalender für Ende Mai, denn beginnt ein Mini-Kurs genau zu diesem Thema.

Dein Thomas & das TBAcare Team

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